Quelle: Österreichische Gemeinde-Zeitung, Nr.16, Wien 1925
Artikel-URL: http://www.vknn.at/texte/GWM1925.html
Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum in Wien
Autor: Otto Neurath [Wien]
AUSZUG
I. Ziele
Die Gegenwart fordert von uns allen verstandesmäßige Erfassung gesellschaftlicher Zusammenhänge.
Man kann heute nicht mehr die Allgemeinbildung auf Lesen, Rechnen, Schreiben und einige Kenntnisse auf dem
Gebiet der Naturwissenschaften, der Literatur und der Geschichte beschränken; es gilt auch, die
gesellschaftlichen Vorgänge zu erläutern und ihr Werden verständlich zu machen. Freilich, die Pädagogik
dieses Gebietes steckt noch in den Kinderschuhen. Wir besitzen dagegen eine gante Reihe vorbildlicher Museen,
Filme, Bücher, durch die naturwissenschaftliche Bildung vermittelt wird. Das wirkt sich unter anderem
darin aus, daß die so aufgeklärte Bevölkerung eine große Zahl gut vorbereiteter Ingenieure, Ärzte,
Metallarbeiter, Drucker, Elektrotechniker in die Produktionsarmee entsendet; die ungewöhnlich rasche
Entwicklung des Radiowesens erklärt sich zum Teil daraus, daß in weitesten Kreisen technischer Sinn zu finden ist.
Das neunzehnte Jahrhundert wurde mit Recht ein Jahrhundert der Naturwissenschaften genannt, ein Jahrhundert der Technik.
Viele glauben, daß nun das Jahrhundert der Gesellschaftsbeherrschung anbreche, ein Zeitalter,
in dem die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens Herz und Sinn aller aufs tiefste erfassen werde.
Die geschichtlichen Umwälzungen der letzten Jahre, die Demokratisierung der öffentlichen Verwaltung,
die Ausdehung der Rechte der Arbeiter und Angestellten in den Betrieben haben dazu geführt, daß immer mehr
Menschen nach Aufklärung über gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorgänge verlangen. Es ist nicht leicht,
dies Begehren zu befriedigen. Die gesicherten Ergebnisse der Forschung sind auf diesen Gebieten nicht allzu umfangreich,
auch sind die darzustellenden Zusammenhänge ungemein verwickelt. Was die Methoden der Darstellung anlangt, so
stehen wir noch ganz am Anfang.
Der moderne Mensch ist durch Kino und Illustrationen sehr verwöhnt. Einen großen Teil seiner Bildung empfängt er
in angenehmster Weise, zum Teil während seiner Erholungspausen, durch optische Eindrücke. Will man
gesellschaftswissenschaftliche Bildung allgemein verbreiten, so muß man sich ähnlicher Mittel der Darstellung
bedienen. Das moderne Reklameplakat zeigt und den Weg! Naturwissenschaftliche Vorgänge lassen sich gewissermaßen
unmittelbar abbilden! Man kann die Sternenwelt mit Hilfe eines Systems von Lichtbildapparaten einfangen, wie
dies in Jena geschehen ist, und nun dem Beschauer den Jahreslauf der Planeten beschleunigt innerhalb einer Stunde
vorführen. Man kann Modelle des menschlichen Herzens bauen und den Pumpvorgang im einzelnen demonstrieren.
Wie aber soll man die Vorgänge innerhalb eines Gesellschaftskörpers zeigen, die Veränderungen der Klassenschichtung,
die Zirkulation des Geldes und der Waren, die Tätigkeit der Banken usw., die Zusammenhänge zwischen Einkommen und Tuberkulose,
zwischen Geburtenziffer und Sterblichkeit? Auch hiefür sind Modelle möglich, graphische Darstellungen.
Sie erfordern aber weit mehr Entferungn von der Wirklichkeit, das heißt, sie stellen an den, der sie ausdenken
soll, und an den Beschauer größere Anforderungen. Eine Zentralstelle für gesellschafts- und wirtschaftswissenschaftliche
Unterweisung durch vorwiegend optische Mittel, Graphica und Modelle zu schaffen ist schwieriger als eine Zentralstelle
für technische oder medizinischer Unterweisung ins Leben zu rufen, deren Fehlgriffe sich weit weniger auswirken können.
Vielleicht wird einmal die Zeit kommen, da sich gewisse Konventionen für die Darstellung geselschafts- und
wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsergebnisse herausgebildet haben werden, so daß man statistische Graphica
allgemein wird "lesen" können, genau so gut, wie man eben heute Bücher oder der Musikkundige Noten lesen kann.
Bis dies aber erreicht ist, muß man Methoden anwenden, die unmittelbar auch ohne eine solche Konvention verständlich
sind. Diese Aufgabe fällt den Sozialmuseen zu, die in der gegenwärtigen Geschichtsepoche entstehen. Sie sind nicht dazu
bestimmt, SOnderbarkeiten vorzuführen oder Erinnerungen zu sammeln. Nicht darauf kommt es an, gefühlsbetonte Gegenstände
zu vereinigen, sondern darauf, die Sammlung der instruktiven Abbildungen, Modell usw. derart zu gestalten, daß sie ein
systematisches Ganzes ist, ein wirklicher Lehrgang für jeden, der ohne Vorbereitung
sich mit gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Fragen beschäftigen will; vor allem kommen graphische Darstellungen,
Schaubilder, Modelle, Filme, Lichtbildern, aber auch Illustrationen, Vorträge, Veröffentlichungen und alle
sonst geeigneten Mittel in Betracht. Die Notwendigkeit solcher Museen kann heute kaum bestritten werden, sie sind eine
Forderung der Zeit.
Die Museen der Vergangenheit waren in erster Reihe Kuriositäten- und Raritätenkabinette, Liebhabersammlungen,
Prunkschätze; Wert und Seltenheit einzelner Schaustücke spielte eine wesentliche Rolle. Fürsten, reiche
Privatleute, Stadtverwaltungen und Klöster haben solch unsystematisch angelegten Sammlungen später allgemeinem Besuch
zugänglich gemacht. Es ist begreiflich, daß Museen, die aus solchen Sammlungen hervorgingen, etwas Totes an sich haben.
Der Besucher fühlt sie als "Vergangenheit"; schüchtern schiebt er sich an hunderten Lanzen, Schwertern, Helmen,
zerfetzten Fahnen, Büsten, Autogrammen vorbei, die, meist dekorativ angeordnet, mehr zum Gemüt als
zum Verstand sprechen, die Schaulust befriedigen und wenig auf den Willen einwirken!
Das moderne Museum will ein Lehrmuseum sein, ein Lehrgang, der mti derben Mitteln arbeitet. Werden in einem
modernen technischen Museum Waffen gezeigt, dann um die Entwicklung der Waffen vorzuführen! Ein modernes
Museum einzurichten heißt daher, Lehrer sein. Es gliedern sich nun an die modernen technischen Museen die
sozialen Museen an.
Während ein technisches Museum Höchstleistungen des menschlichen Geistes aneinanderreiht, soll ein
Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum zeigen, wie das Gesamtleben von Volksmassen beschaffen ist.
Soweit technische Dinge berührt werden, geht es darum, die Verbreitung einer technischen Errungenschaft
zu zeigen, etwa vorzuführen, von wieviel Personen sie benützt wird, nicht wie sie funktioniert.
Ein technisches Museum zeigt Baumethoden, ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum zeigt, wie viele
ungesunde Wohnungen es gibt, wie viele gesunde. Aber das Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum wird zur
Erläuterung auch technische Objekte fallweise zeigen; ebenso Architekturmodelle und anatomische
Präparate zur Einführung in die Hygiene und ihre soziale Bedeutung.
Im allgemeinen wird es sich empfehlen, die vom Museum in Angriff genommenen Aufgaben zentral zu lösen,
weil die Erfahrung gelehrt hat, daß es weit schwerer ist, verwendbare graphische Darstellungen für die Zwecke der
Volksaufklärung anzufertigen, als es auf den ersten Anblick den Anschein hat. Selbst wenn man die ersten Mängel und
Fehler überwunden hat, die sich in den meisten für Volksaufklärung bestimmten Darstellungen anzutreffen sind,
ist es nicht ohne weiteres möglich, die etwa gewonnen Grundsätze immer erfolgreich anzuwenden.
Denn, wenn auch eine graphische Darstellung statistischer Größen und Größenbeziehungen nicht immer
fehlerhaft ist, so ist sie noch lange nicht packend. Es müssen dabei Momente berücksichtigt werden,
die ebensowenig einer rezeptartigen Formulierung zugänglich sind, wie etwa die Mittel, die ein guter
Plakatmaler anwendet. Die Heranbildung geeigneter Kräfte für die Herstellung wirklich brauchbarer bildlicher
und plastischer Darstellungen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Abgesehen davon, daß die Darstellungsmethoden
hinsichtlich ihrer intellektuellen Eigentümlichkeiten genau geprüft werden müssen, sollen auch Ausdehnung,
Farbe, Verteilung im Raum usw. nicht immer wieder abgeändert werden, bis schließlich ein Ergabnis erreicht wird,
das zunächst befriedigt, um nach einiger Zeit, wenn die Pädagogik eines solchen Museums fortgeschritten ist,
wieder nach Verbesserungen zu verlangen.
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Literatur:
Neurath, Otto: Gesammelte bildpädagogische Schriften,
Hrsg. von Rudolf Haller und Robin Kinross
Wien: HPT Verlag 1991
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