Quelle: Originalbeitrag (14. August 2008)
Artikel-URL: http://www.vknn.at/texte/hapke_ostwald.html
Wilhelm Ostwald zu Organisation und Medium
wissenschaftlicher Information und Kommunikation
Autor: Thomas Hapke [Hamburg]
Keywords: Netzwerke, Metadaten, Normierung, Rationalisierung, Forschungsnetze
Der Chemiker und Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald ist ein Beispiel für einen Natur- wissenschaftler, der schon Anfang des
20. Jahrhunderts eigene Ideen zur Organisation wissenschaftlicher Kommunikation entwickelte. Ostwald war Teil eines
intellektuellen Netzwerkes, der sogenannten bibliographischen, Bibliotheks- oder Dokumentationsbewegung, der z.B. auch
Henri La Fontaine, Paul Otlet und am Rande auch Otto Neurath angehörten.
Viele der damls entwickelten Ideen können als
Vorläufer von wichtigen Prinzipien und Kennzeichen der modernen Informationsgesellschaft gesehen werden: der
Netzwerk-Gedanke, das monografische Prinzip und die Fragmentierung von Wissen, die Diskussion um Zentralisierung
oder Dezentralisierung von Wissen, die Nutzung von Werkzeugen (Medien) zur Verarbeitung und Verbreitung von Information,
das Problem zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sowie die Bedeutung von Normen und Metadaten.
Die Geschichte wissenschaftlicher Information und Kommunikation umfasst u.a. die Geschichte wissenschaftlicher
Publikations- und Kommunikationsmedien und ihrer Nutzung sowie die Entwicklung ihrer Erschliessung in Memory-Institutionen
(Archive, Bibliotheken, Museen) und Informationssystemen. Sie umfasst also die Geschichte der Bibliotheken und Medien
und gehört zur Kulturgeschichte. Die Geschichte wissenschaftlicher Information und Kommunikation ist zudem Teil einer
umfassend verstandenen Wissenschafts- und Technikgeschichte und schließt die Entwicklung von Informationstechnologien ein.
In der Wissenschafts- und Technikgeschichte selbst sind als Folge einer 'kulturellen Wende' Kommunikationsprozesse und
Werkzeuge wissenschaftlicher Forschung als Forschungsgegenstände immer öfter thematisiert worden. Disziplinen werden
als soziale und intellektuelle Infrastruktur der Wissenschaft gesehen, wo Aushandlungsprozesse und Macht und damit
Kommunikationsprozesse entscheidend sind.
Aufgrund seiner zahlreichen Aktivitäten im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens - dem Verfassen von Lehr- und
Handbüchern, Aufsätzen, Buchreviews und Briefen sowie der Herausgabe von Zeitschriften - war sich Ostwald von Anfang an
des Problems der Informationsbewältigung bewusst, das heute mit der Entwicklung der modernen Netze und Informationstechnologien
nicht kleiner geworden ist. Früh dachte er über die Organisation wissenschaftlicher Arbeit nach. Ostwalds Ideen beeinflussten
auch die Bewegung und die Aufnahme des Taylorismus in Deutschland. Wie Frederick Winslow Taylor die industrielle Produktion
verwissenschaftlichen wollte, richteten sich Ostwalds Bestrebungen auf die Verwissenschaftlichung der Produktion
wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sein energetischer Imperativ, "Vergeude keine Energie, verwerte sie", war eine wichtige
Voraussetzung für die Entwicklung seiner Modelle des wissenschaftlichen Publizierens.
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Thomas Hapke -
Wissenschaftlicher Mitarbeiter Technische Universität Hamburg-Harburg
ext.Link: Website des Autors
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